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IFA 2018 in Berlin - die Elektronikmesse wächst weiter

Verantwortlicher Autor: Gerhard Bachleitner München, 23.07.2018, 15:38 Uhr
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Früher genügten zwei Sinneskanäle (offizielles IFA-Logo). Heute dringt die Elektronik weiter vor (Bild: N.Pfleger)
Früher genügten zwei Sinneskanäle (offizielles IFA-Logo). Heute dringt die Elektronik weiter vor (Bild: N.Pfleger)  Bild: G. Bachleitner

München [ENA] Ende August lädt die Internationale Funkausstellung, IFA, in Berlin wieder zur Besichtigung des technischen Fortschritts ein, soweit man ihn zuhause haben möchte: Hausgeräte, möglichst vernetzt, künstlich intelligent und sprachgesteuert, Heimelektronik - Radio, Fernsehen - und jetzt auch Automobile

Tatsächlich wird angesichts der wachsenden Bedeutung des digitalisierten Automobils und des autonom werdenden Fahrens ein ganz neuer Messebereich eingerichtet. Shift AUTOMOTIVE nennt sich neudeutsch die neue "Future Mobility Convention". Dieser Kongreß soll zeigen, wie sich die Mobilität aus Sicht der Konsumenten verändern wird. Shift AUTOMOTIVE ist eine Kooperation der Internationalen Motor-Show Genf mit der Messe Berlin und wird am 4. und 5. September 2018 stattfinden.

Die im letzten Jahr in die Halle 26 umgezogene IFA NEXT, ehemals TecWatch-Forum, wird nun deutlich erweitert. Diese Bühne für Start-Ups, Forschungseinrichtungen und Unternehmen zeigt u.a. Neues zum Smart Home und dem Internet der Dinge, VR, Mobilität und digitale Gesundheit (oder sollte man 'digitalisierte Gesundheit' sagen?). * * *

Zukunft auf dem IFA(+) Summit

Über Zukunft gesprochen wird bekanntermaßen auf dem IFA(+) Summit, der heuer unter dem Motto PLUG-INspiration 2024 steht. In den vier Themenfeldern Kognition, Gesellschaft, Interaktion und Erfahrung will man sehen, was in den nächsten sechs Jahren auf uns zu kommen könnte. Daß man den Ex-Schachweltmeister Garry Kasparov als Referenten gewonnen hat, um über Künstliche Intelligenz zu sprechen, entbehrt nicht einer gelinden Ironie, denn er ist gewissermaßen der letzte Mensch, der das menschliche Schachspiel gegen die KI zu verteidigen gesucht hat.

Seinem Bezwinger Deep Blue hat er jedenfalls sinnigerweise sein Buch "Deep Thinking" entgegengestellt. Den umgekehrten Weg geht ein Robotik-Unternehmen aus Berlin, das sich mit der Humanisierung von Robotern beschäftigt. Wie großstädtische Mobilität mit Hubschraubern „on demand“ flexibilisiert und entzerrt werden könnte - wenn denn deutsche Verkehrsbehinderungsinfrastruktur/-strategie es zuließe -, wird im Airbus-Unternehmen Voom erforscht. Auch einen (weiblichen) Cyborg wird man auf dem IFA(+) Summit leibhaftig erleben können.

Weitere Veranstaltungen

Von den angekündigten Keynotes dürften diejenigen von Microsoft und Amazon größeres Interesse beanspruchen. Microsoft möchte die 'Cloud' intelligent machen, d.h. mit Softwarefunktionen anreichern. Der Vizepräsident von Amazon hält den digitalen Assistenten naturgemäß für " die Revolution der Sprachsteuerung", und sein Deutschland-Chef sagte beim Media-Briefing in Berlin gar: "Man muss sich Alexa vorstellen wie die Erweiterung des Gehirns." Man kann sich Alexa auch als Usurpation von vielen Millionen Nutzerhaushalten durch ein einzelnes Unternehmen vorstellen, das mit zuliefernden Programmierern inzwischen über 45.000 "Skills" für den Assistenten bereitstellt.

Die Smart-Home-Vernetzung ächzt noch immer unter der fehlenden Interoperabilität, und die darauf aufbauende Sprachsteuerung soll diese Aufgabe gleichsam im Vorbeigehen miterledigen - es wäre gewissermaßen digitale Ironie, wenn ein auf der technisch-administrativen Ebene unlösbares Standardisierungsproblem durch ein darüberschwebendes Anwendungskonzept mit Universalisierungstendenz überrumpelt würde (unbeschadet seiner proprietären Herkunft).

Für Fachbesucher richtet die IFA in der STATION Berlin, nahe dem Potsdamer Platz, das Messesegment IFA Global Markets mit einer zusätzlichen Ausstellungsfläche von mehr als 20.000 Quadratmetern ein. Unterhaltungsbedürftige normale Messebesucher werden im Sommergarten wie gewohnt von den DeutschPoeten 2018 musikalisch betreut. * * *

KI - ok oder K.O.?

Man wird auf der IFA vermutlich von Künstlicher Intelligenz umzingelt sein, und der Mehrwert beim jeweiligen Produkt wird oft bescheiden oder belanglos sein. Trotzdem wird der Alltag allmählich durch technische Assistenzsysteme durchdrungen. Im Auto ist dies meist eher spürbar als zuhause, weil der Hersteller solche Systeme mit viel Aufwand kuratiert, um realen Nutzen verkaufen zu können. Hierzu äußerte sich auf der Digital Lifestyle Preview anläßlich der IFA, die Ende Juni in München stattfand, Dr. Norbert Pfleger vom KI- und Assistenz-Spezialisten SemVox.

Diese Firma hat den neuen Audi A 8 ausgestattet und dort mehr als 200 Funktionen sprachbedienbar gemacht. In einer solchen Umgebung muß man sich verständlicherweise tiefreichende Gedanken über Ergonomie machen und weiß, daß einzelne Sensoren oder Intelligenzpartikel nicht ausreichen, um aufgabenbasierte Interaktionen und proaktives Systemverhalten zu garantieren. Eine ähnlich realistische Sicht auf das Thema KI nahm Reinhard Karger, Unternehmenssprecher des DFKI (Deutsches Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz), ein, wo man sich seit 30 Jahren mit der Digitalisierung menschlicher Wissensfähigkeiten beschäftigt.

Auf manchen Gebieten gibt es Fortschritte, wie eben im Auto oder auch in der Medizin, etwa bei der Demenzfrüherkennung mit sprachbasierten Kognitionstests. Die maschinelle Übersetzung läßt jedoch noch manches zu wünschen übrig. Und der Programmierer der KI muß sich von der Hoffnung verabschieden, sein System im klassischen Sinne beweisen zu können. Lediglich validieren könne man es noch, so Karger, weil die Lernschritte eines selbstlernenden Systems nicht mehr in allen Einzelheiten nachverfolgbar sind. Außerdem erteilte er den beherzigenswerten Rat: "nicht Hypes hinterherlaufen, die überzogene Hoffnungen oder Ängste monetarisieren."

Daß sich das menschliche Sozialverhalten durch die mehr oder minder smarten Geräte gleichwohl ändert, war Gegenstand des Trend-Talks "Papa oder Alexa? Digitale Assistenten – Kommunikation 4.0". Zweifellos erscheint die digitale Assistentin dem kleinen Kind als unschlagbare Wissensautorität, da sie doch viel mehr als Papa weiß und immer befragt werden kann. Sie nimmt auch Bestellwünsche widerspruchslos entgegen. Die Substituierbarkeit des Menschen durch KI spielt sogar schon in der Politik eine Rolle, wie Moderator Andrew Weber, Nitro, erwähnte.

In einem japanischen Ort sei bereits einmal eine KI zur Wahl des Bürgermeisters angetreten. Man wird sich natürlich fragen, aufgrund welcher Gesetzgebung es möglich war, daß sie überhaupt als wählbarer Kandidat aufgestellt werden konnte, doch andererseits wäre man heute bei vielen politischen Entscheidungen um Unbestechlichkeit und Sachverstand froh und würde sie auch eher bei einer KI als dem üblichen menschlichen Personal vermuten.

Wie denken die Konsumenten?

In dem von Dr. Cordula Kropp vorgestellten „TechnikRadar“, das regelmäßig von der Acatech und der Körber-Stiftung ermittelt wird, waren die sozialen Aspekte der digitalen Innovation auch bereits zu sehen. Fast 90 Prozent der Deutschen sind überzeugt, dass sich der technische Fortschritt nicht aufhalten lässt, also wie ein Naturereignis über sie kommt. Trotzdem fordern mehr als zwei Drittel der Befragten, dass die Bürger über die Zukunft umstrittener Techniken mitbestimmen können sollten. Offenbar ist ihnen nicht klar, daß sie mit ihren Kauf- und Anwendungsentscheidungen über diese Techniken entscheiden.

60 Prozent gehen sogar hellsichtig davon aus, "dass mit der Entwicklung neuer Technologien zunehmend Zwänge für den Einzelnen entstehen". Komfort- und Sicherheitsversprechen wird nicht automatisch und im Sinne der Hersteller vertraut, nicht einmal beim Smart Home, wo die Sicherheit des Heims nicht nur nicht als verbessert erlebt wird, sondern geradezu gefährdet durch die neuen digitalen Einfallstore und Schwachstellen. Eine solch widersprüchliche Haltung müßte man gleichzeitig illusionär, realistisch und defätistisch nennen. Auf der IFA wird man sie zweifellos wieder erleben können - in den Präsentationen der Hersteller und den Reaktionen des Publikums.

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