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AfD sorgt im Landtag für ein raues Klima

Verantwortlicher Autor: Julia Barthold Universität Hohenheim, Stuttgart, 08.02.2019, 20:14 Uhr
Fachartikel: +++ Politik +++ Bericht 11969x gelesen
Kommunikationswissenschaftler/innen der Uni Hohenheim untersuchen das Zwischenruf-Verhalten der Landtag-Parteien in BW
Kommunikationswissenschaftler/innen der Uni Hohenheim untersuchen das Zwischenruf-Verhalten der Landtag-Parteien in BW  Bild: Julia Barthold

Universität Hohenheim, Stuttgart [ENA] Zwischenrufe und hämisches Lachen: Der Einzug der AfD führt zur Frontenbildung im Landtag von Baden-Württemberg. Eine Studie der Universität Hohenheim zu Zwischenrufen und Zwischenreaktionen stellt fest: Der Ton wird rauer, die Diskussionskultur leidet.

Durch den Einzug der AfD in den Landtag von Baden-Württemberg hat sich das Klima und das Verhalten aller Fraktionen stark verändert. Eine Front hat sich zwischen der AfD und allen anderen Parteien gebildet, so eine Studie von Kommunikationswissenschaftlerinnen der Universität Hohenheim in Stuttgart. Das bildet sich ab im Kommunikationsverhalten der Abgeordneten und Fraktionen untereinander. In ihrer Studie analysierten die Forscherinnen, wie die unterschiedlichen Fraktionen im baden-württembergischen Landtag Zwischenrufe sowie andere Zwischenreaktionen wie Beifall, Auslachen oder Heiterkeit in Parlamentsdebatten einsetzen.

„Lachen, Beifall oder auch Zwischenrufe seien im Parlament nämlich nicht einfach nur ein emotionaler Ausdruck des Moments“, so Dr. Catharina Vögele, Leiterin der Studie und wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachgebiet Kommunikationstheorie der Universität Hohenheim. Hier seien sie politische Mittel, erläutert Dr. Vögele. „Als Zwischenrufe im Parlament bezeichnet man kurze Einwürfe von Abgeordneten, die gerade kein Rederecht haben, aber trotzdem eine Meinungsäußerung zum Redner, seiner Rede oder zu anderen Beteiligten abgeben wollen.“, erklärt Dr. Vögele weiter.

„Abgeordnete nutzen diese Zwischenrufe insbesondere, um Redner konkurrierender Fraktionen zu kritisieren und aus dem Konzept zu bringen oder um Redner der eigenen Fraktion zu unterstützen. Auch mittels Beifalls oder Heiterkeit, kann Abgeordneten Zustimmung signalisiert werden; mithilfe von Lachen, das die Parlamentsstenografen bei hämischem, abfälligem Lachen notieren, dagegen Geringschätzung und Kritik.“

1897 Zwischenrufe in 20 Debatten

Da Zwischenrufe und andere Zwischenreaktionen gerade in den Plenarprotokollen festgehalten werden, lassen sie sich gut untersuchen. Die Ergebnisse der Forscherinnen stützen sich damit auf zwei unterschiedliche Inhaltsanalysen: Zum einen auf einer automatisierten Analyse der Zwischenreaktionen in den Plenarprotokollen der aktuellen und der vorherigen Legislaturperiode des baden-württembergischen Landtags. Zum anderen auf einer manuellen quantitativen Inhaltsanalyse von 1897 Zwischenrufen in 20 aktuellen Debatten in diesen Legislaturperioden (zehn Debatten pro Legislaturperiode).

Häufigstes Mittel der AfD: Hämisches, abfälliges Lachen

Das Ergebnis der Untersuchung: Die AfD grenze sich selbst mittels kritischer Zwischenrufe und hämischem Lachen von den anderen Fraktionen ab, betont Dr. Vögele: „Auffällig ist, dass die AfD, mit Abstand, am häufigsten das Mittel des hämischen und abfälligen Lachens einsetzt, um die Redner der anderen Fraktionen lächerlich zu machen.“ Außerdem kritisiere die AfD in Zwischenrufen die anderen Fraktionen stärker und häufiger, als die anderen Fraktionen sich gegenseitig.

„Die Parlamentarier der anderen Fraktionen spenden den Rednern der AfD so gut wie keinen Beifall, sie reagieren nicht mit Heiterkeit und damit Wohlwollen auf deren Redebeiträge und sie kritisieren die Redner der AfD in Zwischenrufen scharf“, fasst Dr. Catharina Vögele weiter zusammen. „Zusätzlich werden die Zwischenrufe von AfD-Parlamentariern am häufigsten von den anderen Fraktionen ignoriert.“ Im baden-württembergischen Landtag habe sich als Folge eine Front gebildet, so Dr. Vögele. „Die AfD ist auf der einen – und alle anderen Fraktionen auf der anderen Seite.“ In der vorherigen Legislaturperiode, als die AfD noch nicht im Landtag vertreten war, bestand dieses stark abgrenzende Verhalten gegenüber einer einzelnen Fraktion nicht.

Themenfokus der AfD spiegelt sich in Zwischenrufen

Die starke Fokussierung der AfD auf Asyl- und Migrationsthemen schlägt sich auch in deren Zwischenrufen nieder. So rufen die Abgeordneten der AfD beim Thema Migration und Integration am häufigsten dazwischen. „Das Zwischenrufverhalten reiht sich in die inhaltliche Positionierung der Partei ein“, stellt Claudia Thoms fest, Co-Autorin der Studie und ebenfalls wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachgebiet Kommunikationstheorie der Universität Hohenheim.

Regierungs-Oppositions-Konfliktlinie dennoch erkennbar

In beiden Legislaturperioden ist außerdem noch zusätzlich eine Konfliktlinie zwischen Regierung und Opposition im Parlament sichtbar. „Regierungs- und Oppositionsfraktionen distanzieren sich mithilfe von kritischen Zwischenrufen und abfälligem Lachen voneinander“, sagt Claudia Thoms. Besonders aktive Zwischenrufer waren insgesamt die Oppositionsparteien, mit ihrer Kritik an den Regierungsparteien. Jeweilige Regierungs- bzw. Oppositionspartner unterstützen die Fraktionen dagegen in den meisten Fällen (abgesehen von der Sonderrrolle der AfD) mithilfe von Beifall und zustimmendem, heiterem Lachen. Diesbezüglich sei das Verhalten der Fraktionen in Plenardebatten also relativ leicht vorherzusehen.

Die komplette Studie finden Sie unter: *** https://www.uni-hohenheim.de/uploads/media/Zwischenrufe_und_Zwischenreaktionen_im_Landtag_Baden-Wu__rttemberg.pdf ***(Bitte kopieren Sie dazu den gesamten Link, zwischen den Sternchen, in die Adress-Zeile Ihres Browsers. Die direkte Verlinkung im Artikel geschieht automatisch und ist leider häufig unvollständig. Vielen Dank für Ihr Verständnis.)

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