Samstag, 15.12.2018 20:13 Uhr

Als ob man sich schämen müsste - die Schweiz im IHRA

Verantwortlicher Autor: Tamás György Morvay Bern, 31.07.2018, 10:38 Uhr
Nachricht/Bericht: +++ Politik +++ Bericht 10089x gelesen

Bern [ENA] Das schweizerische Präsidialjahr im "International Holocaust Remebrance Alliance" (IHRA) endete im März 2018, nun veröffentlichte das Eidg. Department des Äussern (EDA) - das Aussenministerium - einen Abschlussbericht. Er vermag höchstens eine unwissende Leserschaft zu beeindrucken, die nur am Rande im Thema sind. Alle anderen, für die der Umgang der Schweiz mit der Schoa zentrales Anliegen ist, sind entsetzt.

Mit stolzer Brust rühmt sich das EDA, für die Verabschiedung der "allerersten" Strategie und der Definition von Schwerpunkten der Arbeit des IHRA verantwortlich zu sein. Dass diese Beschlüsse seit Jahren vorbereitet worden sind, und die Schweiz mehr oder weniger zufällig zur rechten Zeit am rechten Ort gewesen ist, das erfährt der Uneingeweihte nicht. Angesichts der mageren Eigenleistung mutet es geradezu als höhnisch an, wenn man der nachfolgenden italienischen Präsidentschaft die Umsetzung der Strategie anempfiehlt, gepaart mit den Empfehlungen, doch zur Finanzierung und Organisaton der Allianz Sorge zu tragen.

Vollmundig, aber doch sehr allgemein gehalten, verweist der Schlussbericht des EDA auf die "ein Dutzend Projekte in der Schweiz", mit denen die Zielsetzungen der IHRA unterstützt worden waren. Anhand der konkret genannten Beispiele wird jedoch offenbar, dass man sich auch hier bloss mit fremden Federn schmückt. Schulklassen mit Holocaust-Überlebenden zusammenzubringen, war bereits ein Anliegen, das die inzwischen aufgelöste "Kontaktstelle für die Überlebenden des Holocaust in der Schweiz" seit ihrer Gründung umgesetzt hat. Auch die 15 Einzelbände mit Memoiren von Überlebenden wurden bereits durch die Kontaktstelle zwischen 2010-14 herausgebracht und die Erstauflage durch den Suhrkamp-Verlag erfolgte bereits im Jahr 2016, vor dem IHRA Jahr.

Bleibt die Erwähnung der interaktiven Lern-App, welche angeblich durch den Schweizer Vorsitz unterstützt worden ist. Dieser Support war wohl hauptsächlich finanzieller Natur, denn die Arbeiten der Fachhochschule Vorarlberg (AT) und der Pädagogischen Hochschule Luzern (CH) waren bereits vor Antritt der Präsidentschaft der Schweiz in einem Pilotprojekt geleistet worden. Die Frage muss erlaubt sein, ob sich die Schweiz der Konnotation eines "Ablasshandels" überhaupt bewusst wird, wenn man sich seines finanziellen Beitrags an ein internationales Projekt, als hauptsächlichste Eigenleistung, rühmt: ein Manko, das schweizerischen Bemühungen einer Auseinanderetzung mit der Vergangenheit seit den 1990er Jahren anhaftet.

Unter dem Strich bleibt ein tiefes Unbehagen darüber, wie das Land mit der Erbschaft aus dem Zweiten Weltkrieg umgeht, aber auch, wie es sich der Herausfoderung einer Erinnerung nach dem Tod der letzten Holocaust-Überlebenden stellt. Diese Fragen sind keineswegs neu, sie stehen spätestens seit dem Schlussbericht der sog. Bergier-Kommission im Jahr 2002 im Raum. Sie wurden ebenfalls im bis heute leider wenig beachteten Streifen des Dokumentarfilmers Peter Scheiner "Ende der Erinnerung?" aufgeworfen. Geradezu entlarvend ist in diesem Zusammenhang die Bezeichnung "Schweizer Holocaust-Überlebende", derer sich das offizielle Bern rühmt: es sind fast ausnahmslos nach dem Krieg Eingewanderte, denn im Krieg war "das Boot voll", die Grenzen dicht.

Für den Artikel ist der Verfasser verantwortlich, dem auch das Urheberrecht obliegt. Redaktionelle Inhalte von European-News-Agency können auf anderen Webseiten zitiert werden, wenn das Zitat maximal 5% des Gesamt-Textes ausmacht, als solches gekennzeichnet ist und die Quelle benannt (verlinkt) wird.
Zurück zur Übersicht
Photos und Events Photos und Events Photos und Events
Info.