Dienstag, 13.11.2018 17:12 Uhr

Terroranschlag auf Synagoge in Pittsburgh

Verantwortlicher Autor: Tamás György Morvay Pittsburgh, 29.10.2018, 12:03 Uhr
Kommentar: +++ Politik +++ Bericht 2946x gelesen

Pittsburgh [ENA] Für einmal kommt nicht etwas aus den Vereinigten Staaten zu uns herüber. Nein, diesmal ist es umgekehrt: Anschläge auf jüdische Einrichtungen gab es in Europa leider seit geraumer Zeit. Nun erreicht uns die Nachricht vom bislang schlimmsten terroristischen Anschlag auf Juden in den USA, begangen durch einen in einschlägigen Kreisen und Plattformen bekannten Judenhasser. 11 Betende in einer Synagoge sind die Opfer.

In der Synagoge wurde gerade das Aufnahmeritual für einen neugeborenen Jungen vollzogen, die Beschneidung am achten Tag nach der Geburt. Der Täter, dessen Name hier bewusst nicht genannt werden soll, drang mit einem Maschinengewehr bewaffnet in die Synagoge ein und eröffnete wahllos das Feuer auf jene, die sich nicht schnell genug in Sicherheit bringen konnten. Es waren allesamt Senioren, im Alter zwischen anfangs 70 und Mitte 90, wahrscheinlich Grosseltern und Urgrosseltern. Man darf davon ausgehen, dass sie regelmässige Besucher im Gotteshaus waren, versammelt zum Morgengebet am Ende einer Woche, wie sie es zuvor wohl unzählige Male getan haben. Im Viertel lebt etwa die Hälfte aller Juden von Pittsburgh.

Natürlich ist Judenhass auch in den USA nicht unbekannt, doch bis anhin befand es niemand für notwendig - wie dies in Europa leider zum Alltag gehört - jüdische Einrichtungen besonders zu schützen. Im Viertel, wo der Anschlag verübt wurde, leben überwiegend Weisse. Hier haben sich seit den frühen 1920er Jahren hauptsächlich osteuropäische Juden angesiedelt, heute haben sie einen Bevölkerungsanteil von ca. 40% im Viertel. Das kann jedoch kaum darüber hinwegtäuschen, dass die Ostküste der Vereinigten Staaten lange von den weissen, angelsächsischen Protestanten (die sog. WASPs) dominiert wurde, die bis zum Zweiten Weltkrieg die beherrschende Ethnie in Politik und Verwaltung stellten. Sie gelten bis heute als nicht eben judenfreundlich.

So existiert auch in den USA eine resolute Minderheit, die judenfeindliche Klischees bedient. Auf diesem Nährboden wuchs auch der Amokschütze heran, es wird bereits in den sozialen Medien kolportiert, dass er in der Vergangenheit einschlägig auffiel. Die Staatschutz-Behörden werden daher sicherlich erklären müssen, warum das keine Alarmglocken schrillen liess. Dennoch, die vom Präsidenten in einer ersten Stellungnahme aufgeworfene Frage, weshalb die Synagoge nicht besser geschützt war, ist bestenfalls eine unglückliche Formulierung. Jeder weiss sofort, dass die letzten Gotteshäuser, welche mit Waffen vor Gewalt geschützt wurden, die Kirchen der Schwarzen im Süden waren, und zu jenen Zeiten will niemand zurück, auch gedanklich nicht!

Der Schreibende muss an dieser Stelle eingestehen, dass auch er zu jenen gehörte, welche sich der Illusion hingegeben hatten, Amerika sei anders als Europa, und dieses Anderssein schützte amerikanische Juden vor den Exzessen, die europäische Juden zunehmend zur „Aliyah“ (Heimkehr) nach Israel treibt. Jetzt, da allmählich mehr Juden in Israel leben als in der Diaspora, muss die Frage erlaubt sein: welchen Wert hat jüdische Kultur für die Nicht-Juden, und was sind sie bereit dafür zu leisten, dass jüdische Kultur auch ausserhalb Israels weiterhin gelebt wird? Anders, halten sich Europäer und Amerikaner „ihre“ Juden etwa längst in gleicher Weise wie sie Tiere im Zoo halten - und wir Juden haben es noch nicht gemerkt? Schreckliche Vorstellung!

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