Dienstag, 13.11.2018 17:01 Uhr

Open Space - Fluch oder Segen?

Verantwortlicher Autor: Julia K. Rohde Düsseldorf, 27.10.2018, 19:28 Uhr
Kommentar: +++ Wirtschaft und Finanzen +++ Bericht 2530x gelesen
Julia K. Rohde - strategische Unternehmensberatung
Julia K. Rohde - strategische Unternehmensberatung   Bild: Julia K Rohde

Düsseldorf [ENA] In vielen Unternehmen, in denen ich entweder als Angestellte oder freiberuflich unterwegs war, ist OPEN SPACE im Office Setup ein grosses Thema.Schon vor Jahren habe ich in der Schweiz in einem solchen Bürokonzept gearbeitet - und ich habe es wirklich gehasst. Warum war das so?

Zum Einen gibt es sicherlich einfach Menschen, die gern ein bisschen Distanz wahren und nicht unbedingt drauf stehen, von der Seite mit "hast du mal nen Stift für mich" angesprochen zu werden, wenn sie sich gerade versuchen auf etwas Komplexes zu konzentrieren. Was aber glaube ich viel schlimmer war, war der Fakt, dass die Chefs, die dieses Konzept so grossartig angekündigt hatten, weiterhin in ihren eigenen Büros saßen und vielleicht sogar noch durch Glasscheiben auf ihre Mitarbeiter im Großraum geschaut haben - etwas, was für mich eine Mischung aus totaler Überwachung und Zoo darstellt.

Nun gut, es mag sein, dass ich vielleicht eine sehr extreme Einstellung habe, vor allem, wenn ich es darüber hinaus auch noch gewohnt bin, viel remote, sprich im Homeoffice zu arbeiten. Aber wie sehen die Fakten wirklich aus? Was sagen Studien, Umfragen und Arbeitsergebnisse zu diesen OPEN SPACE Ansätzen? Stimmen die Annahmen wirklich? Können sie ihr Versprechen halten?

1. Frage: sorgt OPEN SPACE für eine bessere Kommunikation?

Falsch. Die letzten Studien haben gezeigt, dass die Zeit, die Kollegen miteinander persönlich kommunizieren, drastisch sinkt. Ein Grund ist sicherlich, dass in einem Grossraum Büro wenig Möglichkeiten gegeben sind, "mal eben" zum Kollegen zu gehen, um etwas zu fragen, da direkt ein lautes "pssssst" ertönt. Darüber hinaus ist es psychologisch ein grosser Unterschied, auf einer grossen Fläche aufzustehen, zu einer anderen Person zu gehen, dabei von allen anderen (und meist auch dem Chef) beobachtet zu werden, oder dies in einer normalen Büro Atmosphäre zu tun.

Die Themen beschränken sich somit meist auf das Wesentliche, privatere oder weniger wichtige Themen werden komplett ausgeklammert, auch wenn diese vielleicht für das Projekt insgesamt von grosser Wichtigkeit sein könnten. Eine neue Harvard Studie von Ethan Bernstein und Stephen Turban bringt die Zahlen auf den Punkt: Während in einem normalen Büro Setup Menschen noch 5.8 Stunden am Tag persönlich miteinander sprechen, sinkt die Gesamtzeit in Großraum Büros auf gerade einmal noch 1.7 Stunden. Das führt final nicht nur zu weniger sozialen Kontakten sondern auch zu mehr Missverständnissen, bedenkt man, dass in diesem Setting 56 Prozent mehr E-Mails und 67 Prozent mehr Messenger Nachrichten verschickt wurden.

Doch warum ist das so? Laut Harward Studie wird der positive Einfluss von räumlicher Nähe schlichtweg überschätzt. Wenn Räume zum Rückzug nicht mehr gegeben sind, "entwickeln Angestellte andere Strategien, um sich Privatheit zu verschaffen", so die Forscher. Statt die Kommunikation zu verbessern, würden Großraumbüros eher überstimulierend wirken und lösen dadurch sogar eine Art Abwehrreflex aus.

2. Frage: schafft OPEN SPACE mehr "Gleichheit"?

Falsch. Auch hier gibt es einige Studien, die klar belegen, dass Grossraum Büros vor allem gut für Männer zwischen 25 und 40 sind. Warum? ganz einfach. Ältere Menschen, die vielleicht etwas weniger "agil" an ihrem Arbeitsplatz sitzen, schneller genervt sind von Lautstärke (was völlig normal ist) und anderen Störungen, fallen - im Gegensatz zu der oberen Gruppe - direkt negativ auf. Gleiches bei Frauen, Übergewichtigen oder Menschen mit Behinderungen. Eine sehr gut aussehende Frau hat mehr Probleme, durch ein Grossraum Büro zu laufen, als durch einen Flur von Büro A zu Büro B. Sie fühlt sich beobachtet, wird gehemmt und versucht, diese Situation so oft es geht zu vermeiden.

Gleiches gilt für Übergewichtige Menschen oder noch schlimmer, Menschen mit einer körperlichen oder geistigen Behinderung. Der Umzug in eine OPEN SPACE Umgebung führt meist dazu, dass diese Arten von Menschen versuchen, sich zu "verstecken". Man kann OPEN SPACE noch so modern verkaufen, aber leider ist es in den meisten Fällen nicht mehr als ein Zurückfallen in alte "Fabrik Strategien", die vorsahen, dass Chef und Vorarbeiter durch ein höher gelegenes Büro alle Arbeiter in der Halle kontrollieren konnten und durch viele Arbeiter auf einer Fläche die Kosten gering hielten.

Was mich immer wieder wundert, ist dieser totale Gegensatz von Hiring Process und Team Fit zu OPEN SPACE. Bekanntermaßen ist jeder Mensch anders - und hat auch andere Bedürfnisse, Vorlieben und Abneigungen. Dem wird überhaupt nicht mehr Rechnung getragen. Weniger kann man seine Mitarbeiter kaum schätzen. Dabei wurde doch der Mitarbeiter mit einem komplizierten Verfahren extra für das Team ausgewählt. Dieser Wiederspruch erklärt sich mir bis heute nicht.

Es gibt ihn, den guten OPEN SPACE Ansatz

Ja, auch ich kann dem Konzept etwas Positives abgewinnen - wenn es auf die Situation abgestimmt ist. Für mich bedeutet dieses Konzept einfach "Vertrauen statt Kontrolle". Wenn OPEN SPACE nur dazu genutzt wird, um Geld zu sparen oder die Kontrolle über Mitarbeiter zu haben, ist es tödlich für Kultur und Ergebnisse. Und vor allem passiert genau das, was man sich als Unternehmen nicht wünscht: Misstrauen, Neid und Unzufriedenheit der Mitarbeiter steigen, die Ergebnisse werden schlechter.

Wird Open Space so eingesetzt, dass kleine Teams in den richtigen Gruppen zusammen arbeiten können und die Führungsriege das Konzept ebenfalls (vor)lebt, kann OPEN SPACE eine gute Lösung sein. Je nach Tätigkeit sollte allerdings Remote arbeiten möglich sein, wenn es um Themen geht, bei denen einfach Ruhe und grosse Konzentration notwendig ist. Auch das ist in vielen Konzepten bisher nicht vorgesehen.

mein Fazit: So lang OPEN SPACE als innovativ verkauft wird und den Mitarbeitern nichts bringt außer, dass eine Kontrolle durch den Vorgesetzten einfacher wird und Platz sowie Kosten gespart werden können, kann dieses Konzept nicht funktionieren. Ist die Einführung von OPEN SPACE allerdings das Ergebnis einer Analyse, wie ein Miteinander der einzelnen Abteilungen oder Führungsebenen verbessert werden kann und ist dieses Arbeiten wirklich frei gestaltbar (Remote, on Site, Buchung eines kleinen Raumes bei bestimmten Projekten) für die Mitarbeiter, dann kann OPEN OFFICE eine gute Lösung sein.

Für den Artikel ist der Verfasser verantwortlich, dem auch das Urheberrecht obliegt. Redaktionelle Inhalte von European-News-Agency können auf anderen Webseiten zitiert werden, wenn das Zitat maximal 5% des Gesamt-Textes ausmacht, als solches gekennzeichnet ist und die Quelle benannt (verlinkt) wird.
Zurück zur Übersicht
Info.